Machen ist wie viel vorhaben. Nur krasser.

„Einfach machen – sonst geht der Wunsch nicht weg“

Sabine Happe im Gespräch mit Katrin Schumacher über Neuanfänge, Hörbücher, KI und den Mut, mit 60 noch einmal etwas Neues zu beginnen.

Sabine Happe: Katrin, Du bist vor Kurzem 60 Jahre jung geworden. Vielleicht skizzierst Du zu Beginn kurz, was Du bisher beruflich gemacht hast.

Katrin Schumacher: Gelernt habe ich ursprünglich Dekorateurin, bin dann aber in die Modebranche gewechselt. Nach den Kindern fand ich Mode irgendwann nicht mehr wichtig. Deshalb habe ich auf Ernährungsberatung umgeschult und bin später Fitnesstrainerin geworden, weil mir Gesundheit und Menschen wichtig waren. Heute bin ich Schulbegleiterin und betreue ein Kind mit Beeinträchtigung in der Schule.

Sabine Happe: Das klingt, als wärst Du eine Expertin für Neuanfänge.

Katrin Schumacher: Ja, könnte man so sagen. Es ging bei mir beruflich immer mehr in die menschliche Richtung.

Sabine Happe: Und wie bist Du zu Deiner Hörbuch-Liebe gekommen, über die wir heute sprechen?

Katrin Schumacher: In meiner Freizeit mache ich gerne Gartenarbeit und Handarbeit – sind die Hände beschäftigt, sind die Ohren frei. So komme ich zu meiner Literatur! In den letzten Jahren habe ich Hunderte von Hörbüchern gehört und viele Klassiker nachgeholt. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich manche Sprecherinnen und Sprecher großartig finde – andere aber gar nicht aushalten konnte. Und weil ich Sprache sehr gern mag, dachte ich irgendwann: Das wäre mein Wunsch – Hörbuchsprecherin zu werden. Dann habe ich es gemacht.

Sabine Happe: Wie lange hattest Du diesen Wunsch schon im Kopf?

Katrin Schumacher: Ganz konkret etwa ein Jahr. Ich hatte auf Instagram Werbung von einer Akademie gesehen. Weil die Ausbildung ordentlich Geld gekostet hat, bin ich damit fast ein Jahr schwanger gegangen. Dann wusste ich: Ich will das machen – selbst wenn es nur ein schönes Hobby wird.
Der Auslöser war mein Kreuzbandriss vor gut einem Jahr. Dadurch war ich lange krankgeschrieben. Da dachte ich: Jetzt sofort. Jetzt lege ich los. Manchmal hat man etwas lange im Kopf, aber es braucht eine Gelegenheit.

Sabine Happe: Viele Menschen denken ja schon mit 35: „Jetzt ist der Zug abgefahren.“ Du bist gerade 60 geworden. Kennst Du solche Gedanken?

Katrin Schumacher: Das sagen einige. Interessanterweise handelt das erste Hörbuch, das ich gesprochen habe, genau davon. Es heißt „Das war’s noch lange nicht“, mit dem Untertitel „Karrierewechsel mit 40 Plus“. Mit 60 sind natürlich manche Züge abgefahren, wenn es etwa um eine langfristige Festanstellung geht. Aber man kann trotzdem herausfinden, was man wirklich möchte und was realistisch ist – um beruflichen Frust auszuräumen und beruflich glücklicher zu werden.

Sabine Happe: Wenn Menschen ein neues Vorhaben haben, erleben viele Zweifel von außen. Hast Du so etwas auch erlebt?

Katrin Schumacher: Ich habe es schon immer eher anders gemacht. Schon als Kind habe ich mich für schwere Referate gemeldet, um mich selbst herauszufordern. Später, als ich nach den Kindern abnehmen wollte, habe ich überall erzählt, dass ich zu Weight Watchers gehe. Dadurch fordere ich mich selbst. Wenn ich es überall erzähle, muss ich es ja auch schaffen.
Und selbst wenn nicht: Dann sage ich eben, ich habe es doch nicht geschafft. Davon bricht mir kein Zacken aus der Krone.

Sabine Happe: Öffentlichkeit als Trick also – um verbindlich mit sich selbst zu werden.

Katrin Schumacher: Genau. Öffentlichkeit hilft, sich selbst ernst zu nehmen.

Sabine Happe: Was kam bei der Ausbildung zur Sprecherin auf Dich zu?

Katrin Schumacher: Das Sprechen selbst ist fast die leichteste Übung. Am Anfang lernt man Sprechtechnik: Satzzeichen, Pausen, Betonung, wann die Stimme hochgeht und wann runter. Besonders prägend war ein Schauspielcoach, der uns beigebracht hat, nicht zu spielen, sondern man selbst zu sein. Man muss das, was im Text steckt, in sich selbst finden, größer machen und dann das eigene Ich sprechen lassen.
Das hat mir sogar privat geholfen. Meine Tochter hat geheiratet, und ich habe eine Rede gehalten. Ich bin sehr nah am Wasser gebaut und hatte Angst, nach drei Worten zu heulen. Mein Mann meinte beim Üben: „Das klingt wie eine Märchentante. Kannst du nicht einfach Katrin sein?“ Am Ende habe ich es tatsächlich ohne Heulen geschafft.

Sabine Happe: Du hast aber nicht nur sprechen gelernt, sondern auch viele technische Hürden genommen.

Katrin Schumacher: Ja, das war für mich das Schwierigste. Ich produziere alles selbst: mit Tonstudio auf dem Laptop, gutem Mikrofon und inzwischen großem Bildschirm. Dazu kommen Plattformen, Technik, Marketing und Sichtbarkeit.

Wenn man bei Audible veröffentlichen möchte, muss man Teil von ACX sein, einer großen amerikanischen Plattform. Dort kann man sich aber nur mit einer Adresse in Irland, Großbritannien, Kanada oder Amerika anmelden. Ich habe es geschafft, eine englische Adresse zu bekommen. Außerdem gibt es viele weitere Plattformen, auf denen man sichtbar sein muss. Gleichzeitig wird man von Firmen angesprochen, die ihre KI trainieren wollen. Das möchte ich nicht machen.

Sabine Happe: Was können Menschen tun, damit Deine Bücher besser gefunden werden?

Katrin Schumacher: Am besten eine schöne Rezension schreiben. Und wichtig ist auch, ein Hörbuch zu Ende zu hören. Wenn ein Buch nicht zu Ende gehört wird, wertet der Algorithmus das als schlechtes Zeichen.

Sabine Happe: Viele Menschen haben Angst vor KI. Du hast ein Hörbuch gesprochen, das sich genau damit beschäftigt.

Katrin Schumacher: Ja, „Interview mit einer Maschine“ von Isabella Brynich. Die Autorin hat darin tatsächlich ein Gespräch mit einer KI geführt. Ich fand das genial. Es hat mich inspiriert, selbst mehr mit KI zu sprechen. Teilweise sind dabei Gespräche entstanden, die ich mit keinem Menschen so hätte führen können – zum Beispiel über Poesie. Dieses Buch hat mir viele neue Perspektiven geöffnet.

Sabine Happe: Ist das im Moment Dein Lieblingsbuch?

Katrin Schumacher: Ja, weil es mir die Augen für einen anderen Umgang mit KI geöffnet hat. Von Isabella Brynich gibt es außerdem „Hugo klärt auf“. Als Nächstes spreche ich einen Roman von ihr. Der ist sehr schräg und deshalb eine echte Herausforderung: Es geht um eine Frau, die mit ihrer Katze zusammenlebt. Dann erscheinen ein Engel und ein Teufel in ihrer Wohnung – und diese vier Charaktere setzen sich miteinander auseinander.

Sabine Happe: Das klingt anspruchsvoll – gerade, weil jede Figur eine eigene Stimme braucht.

Katrin Schumacher: Ja, und die Katze hat auch eine eigene Stimme.

Sabine Happe: Wie findet man Dich?

Katrin Schumacher: Bei Audible kann man nach Sprecherin Katrin Schumacher suchen. Es gibt auch eine Autorin mit demselben Namen, aber das kann man unterscheiden. Ich freue mich sehr über Rezensionen. „Interview mit einer Maschine“ kostet nur 4,95 Euro – da lohnt es sich vielleicht eher, es direkt zu kaufen und das Audible-Guthaben aufzusparen.

Sabine Happe: Zum Schluss: Wie kann man Menschen ermutigen, die mit einer Idee schwanger gehen und sich nicht trauen?

Katrin Schumacher: Das ist einfach gesagt, und das sagen auch viele: einfach machen. Denn wenn man diese Idee oder diesen Wunsch in sich hat, geht er nicht weg, wenn man ihn nicht umsetzt.

Ich denke manchmal: Wenn ich am Ende meines Lebens stehe und es nicht gemacht habe, dann ärgere ich mich. Und wenn ich es gemacht habe und es geht schief, dann habe ich wenigstens eine Erfahrung gemacht.

Sabine Happe: Schöner Schlusssatz.

Über diesen Link kommen Sie zu dem LinkedIn-Artikel über Katrin Schumacher und ihre Hörbücher. Dort gibt es auch die Möglichkeit, an einen kostenlosen Hör-Link für das Buch „Das war’s noch lange nicht“ von Isabella Brynich zu kommen – solange der Vorrat reicht.

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